Kreuzweg - Heilige Familie Bad Sassendorf

Der neue Kreuzweg gestaltet von P. Abraham Fischer OSB

Prior und Schmiedemeister der Abtei Königsmünster Meschede mit Betrachtungen von Pfarrer Martin Tiator

Betrachten wir die 14 Stationen unseres neuen Kreuzwegs, so sehen wir keine Bilder eines leidenden Menschen.

Wir können den leidenden Menschen nicht einfach anschauen; ihm gleichsam zuschauen, wie er leidet. So oft sind wir nur Zuschauer, wie ein Mensch leidet – wenn wir die Zeitung lesen oder fernsehen und dabei mehr oder weniger Mitleid empfinden. So einfach machen es uns diese Tafeln nicht. Das Bild des leidenden Menschen kann nur in uns entstehen – aufgrund eigener Lebens- und Leidenserfahrungen.

Wir betrachten kein Bild, wir schauen eher in einen Spiegel. Das von Station zu Station nur angedeutete Leiden Christi will eigene Leidenserfahrungen in uns wachrufen: vergangenes, gegenwärtiges, gefürchtetes Leid; selbst erlebtes und miterlebtes Leid.

Schwer-wiegendes, das Leben überschattendes Leid – wie diese schweren, dunklen Messing-Platten. Aber sie sind aufgeschnitten. Hinter der Schwere des Leids, jeder einzelnen Leidensstation gibt es einen ganz eigenen Glanz zu entdecken – und zwar umso mehr, je näher Du herantrittst; je näher Du das Leiden an Dich heranlässt.

Du entdeckst von Station zu Station den Glanz dessen, der alle Wege – auch die schwersten – mitgeht. In keiner Situation lässt er Dich allein! Immer ist Er da, bei Dir, trägt Dich, behütet Dich; will Dich in Deinem Leiden führen; will Dich über Dein Leiden hinausführen – ins Licht!

  1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

„Am Anfang war das Wort“ – alles beginnt mit dem Wort: die Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis; die Jesusgeschichte im Johannesevangelium. „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1) – das Wort Gottes: „Es werde Licht! Und es wurde Licht“ (Gen 1,3) – durch alles, was ist und lebt und mir lieb ist; vor allem durch Jesus.

Auch am Anfang des Kreuzwegs war das Wort – das Wort eines Menschen. Und es legt von Anfang an seinen dunklen Schatten über das Leben des Mitmenschen.

Pilatus spricht das Macht-Wort, das Todesurteil; und Jesus, das fleischgewordene Gottes-Wort, schweigt: gelästert wird er, und droht doch nicht; verurteilt wird er, und verurteilt selber nicht. Er lässt geschehen, was geschehen muss, weil er fest darauf vertraut, dass ein Anderer sein Geschick lenkt; dass Gott bei dem, der ihn liebt, alles zum Guten führt.Ÿ

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Wenn Worte verletzen, verurteilen, Leid zufügen – welche Ant-Wort gibst Du? Noch ein Wider-Wort, das verletzt, verurteilt, Leid zufügt? Jesus verbietet sich dieses Wort. Er schweigt sich in sein letztes Wort hinein: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).

„Am Anfang war das Wort“ – mit einem Wort kannst Du in jeder Beziehung immer neu anfangen; mit einem Wort, das Deinem Mitmenschen gut tut.

  1. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Mit dem bösen Wort, das den Andern verurteilt, taucht das Kreuz auf; und es ist fortan nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der, in dessen Leben es sich machtvoll hereindrängt, kann es nur „annehmen“.

Jesus nimmt das Kreuz an – das ihm von Pilatus und seinen Soldaten, von den religiösen Führern und ihren Helfershelfern, vom verratenden Judas, vom verleugnenden Petrus, von den fliehenden Freunden aufgelastete Kreuz. Wie Er sich ihre Kreuze aufladen lässt, so auch unsere Kreuze: unsere Bosheiten, unsere Krankheiten, unsere Schmerzen, unsere Trauer, unsere Not, unsere Schuld.

Er nimmt alles an. Und durch diese Annahme gewinnt er eine ganz eigene innere Freiheit; die auch schon los-lässt, vom Leiden löst, er-löst.Ÿ

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Willst Du weiter verdrängen; fliehen – vor dem, was Dir zugemutet ist, was nicht zu ändern ist? Nimm es einfach an! Umfass Dein Kreuz – wenn auch in Schwachheit und Zittern! Nimm es zusammen mit Jesus an! Oder besser: Lass Dich mit Deinem Kreuz ganz einfach von Jesus annehmen. Und aus Deinem Kreuz bricht ein wundersamer Glanz hervor: Er ist da und trägt Dich – durch alles Dunkel Deines Lebens hindurch in sein österliches Licht!

  1. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Das Kreuz, das sich durch das verurteilende Wort in Jesu Leben hereingedrängt hat, das er angenommen hat, es neigt sich. Schwer drückt es auf den, der es trägt. Schwerer, als ein Mensch es schultern kann, lastet all das, was sie Ihm angetan haben, auf Ihm. Wie in einem Hammer verdichtet sich die Sünde der Welt, auch meine Schuld. Das Kreuz – ein Hammer – fällt auf Ihn herab; bringt Ihn zu Fall. In seiner menschlichen Schwäche bleibt Ihm nichts anderes übrig: Er muss es „ertragen“. Aber er richtet sich – erfüllt von göttlicher Kraft – mit seinem Kreuz auch wieder auf: Er kann es „tragen“; und er trägt es weiter.Ÿ

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Aus den Herausforderungen, die mir das Leben stellt, zimmert sich mein Kreuz: es legt sich auf mich, drückt, drückt nieder, deprimiert. So mancher Schicksals-Schlag, Hammerschlag kann auch mich zu Fall bringen. Immer eine Versuchung, aufzugeben; abzuschütteln, was mir zugemutet wird; zu flüchten in ein vom Leiden der Andern unberührtes, vermeintlich paradiesisches Leben.

Schäme Dich nicht, wenn Du nicht mehr kannst; wenn Du zu Fall kommst; wenn Du am Boden liegst! Was einem Menschen zugemutet wird, ist immer wieder mehr, als was er ertragen kann.

Aber bleib nicht einfach liegen! Gib nicht auf! Schau auf! Da ist Einer, der auch Dich trägt! Du musst nicht nur er-tragen; Du wirst auch ge-tragen! Er hält den Druck, der auf Dir lastet, mit aus! Und er gibt Dir von seiner Kraft, damit Du Dich an seinem Kreuz wieder aufrichtest und spürst: Auch Du kannst – mit seiner Hilfe – tragen!

  1. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Der sein Kreuz trägt, begegnet der „Mutter“. Er begegnet der Frau, die ihn geboren hat. Er kommt in Berührung mit seinem Ursprung auf Erden.

In Berührung mit seinem irdischen Ursprung ist er zugleich in Berührung mit seinem himmlischen Ursprung; mit dem, der ihn vor aller Zeit geboren hat: der „Vater“. Die Mutter, die dem kreuztragenden Sohn hier und jetzt begegnet, spiegelt ihm den Vater – so wie der Mond unsere Erde die Sonne spiegelt, mitten in der Nacht.

Mitten im Leiden taucht Jesus ein in das Geheimnis seines Lebens – zwischen Sonne und Mond, Vater und Mutter. Er selber, der Sohn, ist Licht vom Licht, das ihm die Mutter hier widerspiegelt.

Das Leiden verdunkelt das Licht, verfinstert die Sonne, in der dieser Mensch lebt. Der Vater über ihm scheint sich zu entziehen, den Leidenden zu verlassen. Aber durch die Mutter, die ihm begegnet, ist der Vater wirklich da, mütterlich nah.

Die Liebe ist stärker als Leid und Tod. Sie bleibt lebendig. Ihr Glanz überstrahlt das Kreuz.Ÿ

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Es ist nicht gut, dass der Mensch im Leiden allein bleibt. Wenn Dir alle Stützen wegbrechen, wenn Dir Dein Gottesbild entschwindet, wenn Dir Gott fern und fremd wird, dann suche die Begegnung mit der Mutter; dann erinnere dich der Menschen, denen Du Deinen Glauben verdankst. Von ihnen lass Dir das Licht widerspiegeln, das Du seit der Taufe empfangen hast; das Dir Zukunft und Hoffnung schenkt!

Begegnest Du selber aber einem Leidenden, dann begegne ihm als gläubiges Glied der Mutter Kirche! Erinnere ihn durch Dein Glaubenszeugnis an seine Herkunft und Zukunft – an die Zusage Gottes, des Vaters: Du bist mein Sohn, meine Tochter, mein geliebtes Kind!

  1. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Die Last, die sie ihm aufgebürdet haben, unsere Last, sie ist dem Menschen zu schwer geworden.

Er, der gekommen ist um zu dienen, der sich zum Diener aller macht, unser Helfer in jeder Not – er braucht jetzt selber Hilfe, unsere Hilfe. So schwach und ohnmächtig ist er geworden, dass er auf unsere Hilfe angewiesen ist.

Ein Mann aus Cyrene, Simon hilft – überhaupt nicht freiwillig! Sie ergreifen, zwingen diesen Menschen, der ganz anderes vorhat, Jesus das Kreuz nachzutragen. Nicht aus eigenem Antrieb wie der Samariter hilft Simon; das Kreuz wird ihm einfach aufgeladen – so wie zuvor schon Jesus.

Aber – es geschieht etwas zwischen den beiden: Jesus und Simon. Gemeinsam unter das Kreuzes-Joch gezwungen, werden sie Brüder auf dem Kreuzweg. Geschwisterlich trägt Einer des Andern Last, richtet Einer den Andern auf; macht Simon dem Herrn das schwere Kreuz leichter.Ÿ

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„Hilf“ – wie schnell und wie oft rufen wir in Situationen des Leids, der Angst, der Not zu unserem Herrn und Gott! Und er will, dass wir zu ihm rufen! Er will helfen!

Hier und jetzt aber will auch Er einmal einen Hilfe-Ruf an Dich richten: „Hilf mir! Hilf tragen!“ Immer wieder stehen wir an dieser Station, wenn wir den Hilfe-Ruf eines Menschen hören – oder den stummen Schrei sehen: Hilf mir, dass ich unter der Last meines Lebens nicht zusammenbreche! Immer wieder eine Zumutung! Einmal drücken wir uns; einmal packen wir an. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt“, sagt er, „das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Begegnest Du – gezielt oder unverhofft – einem leidenden Menschen, bleibe eine Weile bei ihm, geh ein Stück mit ihm, richte ihn mit seinem Kreuz ein wenig auf, hilf tragen!

Und Du schenkst ihm eine Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes. Ja, Du selber ziehst eine Spur des Lichts mitten durch das Leid!

  1. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Ein Tuch schiebt sich herein, durchbricht das Leiden; hebt es auf – im Doppelsinn des Wortes. Schweiß, Blut, Tränen – Jesu geschundenes Angesicht, er drückt es in dieses Tuch, in das Schweißtuch der Veronika.

Eine Frau am Wegesrand – eine von Vielen, die angesichts der Übermacht dessen, was hier geschieht, nichts tun können. Und doch: sie tut was. Sie reicht ihm ihr Tuch. Und sie empfängt: Christi Bild – in ihren Händen, in ihrem Herzen.

Glanz bricht hier hervor – mitten im Leiden: Göttlicher Glanz – auf dem Antlitz des leidenden Menschen. Das schändlich zugerichtete, entstellte Gesicht – es leuchtet wie die Sonne. Es leuchtet für Veronika – die Einzige in der Zuschauermenge, die es schaut. In ihrem Tuch – das „Abbild“ Gottes; das Abbild seiner Barmherzigkeit, Solidarität, Liebe zu uns Menschen. Veronika schaut es, weil es sich in ihr selber spiegelt – in ihrer barmherzigen, solidarischen Geste, in ihrem Herzen voller Liebe.

Zwei Menschen begegnen einander, erkennen einander. Zwei Angesichter, zwei Herzen, zwei Tränen – spiegelbildlich einander zugewandt, in barmherziger Liebe vereint.Ÿ

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Ein kleiner Dienst; eine barmherzige, solidarische Geste – wie gut tut sie dem, der leidet; der krank daniederliegt; der den Tod vor Augen hat. „Wer auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt“ (Mk 9,41), die Schnabeltasse reicht, die Lippen befeuchtet, die Stirn trocknet – der durchbricht das Aussichtslose, das Gnadenlose des Leidens.

Das Angesicht des Leidenden beginnt für Dich zu leuchten – wenn Du Dich ihm zuwendest; wenn Du mit ihm betest; wenn der Kranke gesalbt wird; wenn Glaube und Hoffnung in ihm wachgerufen wird.

Dein eigenes Angesicht leuchtet in diesem Augenblick dem leidenden Bruder, der leidenden Schwester. In euch beiden lebt das Bild Christi auf, leuchtet sein Abbild: die solidarische, barmherzige Liebe – menschlich und göttlich zugleich.

  1. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Eine Weile hat Simon die Last mit Jesus getragen. Jetzt muss er wieder alleine tragen. Die Last ist zu schwer. Wieder bricht er unter ihr zusammen. Sie zwingt ihn in die Knie, streckt ihn nieder. Jesus liegt am Boden, das Kreuz auf ihm – „zu Kreuz kriechen“ muss er.

„Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.“ Jesus – ein gefallener, zerbrechlicher Mensch; dem die Last von uns gefallenen, zerbrechlichen Menschen zu schwer wird; der mit uns fällt und zerbricht – und doch für uns weiter-kriecht.

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ŸEs gibt Dinge, die Du selber tragen musst; die Dir keiner abnehmen kann – und seien sie noch so schwer. „Ich wollte mich schon wieder aufrichten – und dann“: diese Diagnose, diese Nachricht; niederschmetternd; am Boden zerstört.

So mancher Mensch, der es in seinem Leben zu etwas bringt, fällt ganz tief. Wenn die Fassade zerbricht und das Fallbeil der Öffentlichkeit auf Dich herabfällt, dann musst auch Du zu Kreuz kriechen; Dich demütigen lassen.

Die Unschuldslämmer trampeln so gern auf andern herum: „Was der sich geleistet hat, ein Hammer“. Menschen werden zu einem „Fall“; andere stürzen sich auf sie, machen sie ganz klein, zum Wurm!

Sich wie ein Wurm fühlen: schwach, hinfällig, gebrechlich, zerbrechlich, wehrlos. Den Kopf hängen lassen, die Augen niederschlagen, in tiefer Traurigkeit – Du bist nicht allein! Er kriecht mit Dir zu Kreuz. Und Er richtet sich und auch Dich mit göttlicher Kraft wieder auf. Er kann und wird auch Dich noch „segnen und deinen Namen groß machen.“ (Gen 12,2)

  1. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Tränen – was hier mit diesem Menschen geschieht, es ist zum „Weinen“. Jesus begegnet Frauen aus seinem Volk. Sie haben sich nicht irre machen lassen durch das Gejohle der Menge, durch ihr „Kreuzige ihn“. Sie haben Mitleid mit ihm.

Jesus sieht sie. Sein Auge sieht tiefer und weiter als sie. Mit seinem Herzen voll Mitleid sieht er die unendlichen Leiden seines Volkes, der Söhne Israels, ihrer Frauen und Kinder: „Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!“ (Lk 23,28)

Auch Jesus hat geweint – über die Einwohner Jerusalems, über die Kinder seines Volkes; seine Brüder und Schwestern, die seine Botschaft überhört, „die Zeit der Gnade“ verkannt haben (vgl. Lk 19,41-44). Ihr Schicksal bewegt ihn. Er fühlt und er leidet mit ihnen – auf ihrem Kreuzweg durch die Geschichte: angefangen bei der Zerstörung Jerusalems über so viele Vertreibungen und Pogrome bis hin zu unseren Konzentrationslagern. Jesus geht seinen Kreuzweg auch solidarisch mit seinem Volk.Ÿ

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Was Menschen Menschen antun – es ist zum Weinen. Doch wie ehrlich und wahrhaftig ist unser Mit-Leid? Man bejammert das Schicksal anderer Menschen; aber es hilft nicht, weil man nicht hilft. Was hat der Leidende davon, wenn er Dir leid tut; wenn Du zu Tränen gerührt wirst wie der Zuschauer eines Films?

An dieser Station begegnet mir das Auge, das mir ins Herz schaut. Voll Mit-Leid hilft er mir, mich zu erkennen; über mich selbst zu weinen; das eigene Herz zu reinigen.

Sieh in jedem Leidenden – sei er Christ, Jude, Muslim oder sonst was -, sieh in Ihm den Menschen. Und fühle mit, leide mit, begegne ihm ganz menschlich!

  1. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Er kann nicht mehr. Jesus – zum dritten Mal „gefallen“ – zuletzt im freien Fall. Das Kreuz: ein einziger Fingerzeig nach unten – ins Bodenlose. Dem leidenden Herrn wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Absturz: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ ; oder – wie es früher hieß – „abgestiegen zu der Hölle“. Tiefer geht nicht mehr!

Das Kreuz Christi erinnert hier an das Kreuz des Petrus, der mit dem Kopf nach unten gekreuzigt werden wollte, weil er sich für unwürdig hielt, den gleichen Tod zu erleiden wie sein Meister. Der so tief gefallene Fels. Der Jünger, der im entscheidenden Moment nicht wollte; seinen Freund im Leiden verleugnete, im Stich ließ; der geflohen ist vor dem Leiden mit seinem Herrn.

Satanisten machen sich dieses Petruskreuz zu eigen; wollen sich in diesem Zeichen bewusst gegen Gott, gegen den Erlöser stellen, ihn zum Teufel jagen; gefallen sich darin, sich selbst an Gottes Stelle zu setzen.

Mit seinem Kreuz ist unser Herr hier auf dem Weg nach ganz unten: dorthin, wo Petrus nach der Verleugnung sich in Tränen auflöst; dorthin, wo Judas nach dem Verrat keinen Ausweg mehr findet; dorthin, wo Adam (der Mensch) nach dem Ab-Fall von Gott verfällt, verzweifelt, sich selbst verliert.

Es gibt nichts, was der Herr auf seinem Kreuzweg nicht mit uns getragen hätte; was aus seinem Erlösungswerk außen vor bleiben könnte. Er, der die ganze Sünde der Welt getragen hat, ist tatsächlich auch für den letzten Sünder gestorben, wirklich für alle.

Das Kreuz umfasst alles und alle: das Kreuz des Freundes wie das Kreuz des Feindes. Die Liebe, die das alles umfasst und durchdringt, ist stärker; stärker als Verleugnung und Haß, denn sie hort niemals auf.

Bis in den Abgrund der Hölle gefallen, ist sie hier noch dem abgründigsten Sünder „zu-gefallen“; weil unserem Gott selbst der sich hinter der Fratze des Bösen versteckende Mensch immer noch als sein Geschöpf, sein Eigen gefällt.Ÿ

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Kein Mensch kann so tief fallen, dass er in seinem freien Fall nach unten nicht noch einmal aufgefangen wäre – durch den, der so frei ist, mit Dir zu fallen; Dich nicht fallen zu lassen.

Wenn Dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird; wenn sich die Abgründe Deines Herzens auftun; wenn Dir Dein Glaube und Deine Hoffnung verloren gehen – dann lass Dich fallen: in die am Kreuz ausgestreckten Arme seine Liebe!

  1. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

An der Endstation seines Lebensweges angekommen, wird dem Herrn alles genommen. Nichts bleibt ihm. Seiner Kleider wird er beraubt, seines letzten Hemds.

Entblößt steht er da – bloßgestellt: der nackte Mensch, der nackte Gott! „Nackt kam ich aus dem Schoß der Mutter. Nackt kehre ich dorthin zurück“ (Ijob 1,21).

Das Leben entblößt den Menschen: an seinem Beginn und an seinem Ende. Mit nichts kommt er; mit nichts geht er. Nichts, was er hat, was er an-hat, bleibt ihm.

Die Sünde, die Gier entblößt den Menschen noch viel mehr. Sie stellt ihn bloß, verdemütigt ihn, missbraucht ihn, beraubt ihn seiner Würde, gibt ihn der Schande preis.

Selbst die Liebe entblößt den Menschen – jedoch ohne ihn bloßzustellen. Die samaritische Frau (vgl. Joh 4,1-42) – vom prothetischen Mann entblößt, aber nicht bloßgestellt! Ihren Durst nach Leben, nach Liebe deckt er auf; aber er nimmt sie an, wie sie ist; gibt ihr, was sie jetzt zum Leben braucht; kleidet sie in das Gewand seiner heilenden Liebe.

Auch Franziskus lässt sich entblößen von allem Tand der Welt, mit dem er sich umgeben hat. Nackt wie Gott ihn schuf, gibt er sich vollkommen dem hin, der ihn in seiner Armut mit dem Gewand seiner Liebe umhüllt, reich macht.

Adam, der Mensch – nackt steht er da vor Gott und den Menschen; bloßgestellt durch die Sünde. Das erste Gewand wird ihm von Gott geschenkt, der seine Blöße bedeckt.

Auch das letzte Gewand kann der bloßgestellte, vielleicht gar seiner Würde, allen Sinns beraubte Mensch nur von Gott empfangen. Er umkleidet seinen Sohn, sein Kind mit dem Glanz seiner unsterblichen Liebe.Ÿ

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„Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt“ (Gal 3,27). Darum – wenn Ihr Euch voreinander Blößen gebt, bloßgestellt werdet, „bekleidet“ euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld“ (Kol 3,12). Bekleidet einander mit diesem Gewand, das uns Christus hier zurücklässt: mit dem Gewand seiner barmherzigen Liebe!

  1. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt

„Angenagelt“: 4 Schläge – hammerhart - in den Körper – in die Seele.

Jesus – auf sein Kreuz gelegt; festgelegt auf dieses Kreuz – auf uns. Auf den Menschen zur Linken wie zur Rechten; an beide gebunden: an den reumütigen wie an den verhärteten Schächer. In seinen gefesselten Gliedern auseinandergerissen – dem Spott preisgegeben – aller Freiheit beraubt.

Der gekreuzigte Mensch – der gekreuzigte Gott! Gott – von uns Menschen aufs Kreuz gelegt. Und: er lässt es geschehen. Er lässt sich festlegen, festnageln auf all seine Menschen-Kinder – in Treue zu seinem Bund. Gott selber bindet sich an jeden und jede von uns: untrennbar, ewig.

Eine Hingabe, die angesichts meiner, Deiner, dieses und jenes Menschen wirklich wehtut; weil wir der wehrlosen Liebe so viele Nadelstiche versetzen. Aber: der Bund hält; die Liebe trägt: Dich und mich, jeden Menschen, alle Welt!

„Die Speise“, von der der Gekreuzigte lebt, ist es, „den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen“ (Joh 4,34). Sich hinzugeben – ganz gefesselt und doch vollkommen frei: in grenzenlosem Gottvertrauen; in bis an das Ende gehender Liebe; in der „Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“, die „nicht zugrunde gehen lässt“ (Röm 5,2.5).Ÿ

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Der Mensch, frei, sich selbst zu verwirklichen, er legt sich doch immer mehr fest und wird auch mehr und mehr festgelegt: auf Rahmenbedingungen, auf Aufgaben, auf Menschen. So Vieles hängt mir an, was ich nicht mehr loswerde; was auch wehtut. Hin- und hergerissen erfahre ich mich, gebunden, gefesselt. Manch einem wird etwas angehängt, was er nicht mehr los wird.

Im Laufe meines Lebens wird es immer greifbarer: mein Kreuz, das ich nicht mehr abschütteln kann; weil es untrennbar ein Teil von mir geworden ist.

Weil Er sich an mich bindet, kann ich, wenn ich mich an ihn binde, zusammen mit ihm in allen Bindungen frei werden: frei zur Annahme, frei zur Hingabe, frei zur Liebe.

  1. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Das Kreuz ist aufgerichtet. Das Leidensinstrument, der Hammer, es gewinnt hier etwas Erhabenes. Unter den Hammer – Schlägen der Sünde der Welt, in der Glut des Leidens formt sich unser aller Opfer – Jesus am Kreuz – zum höchsten Ausdruck der Liebe.

Ein letzter Seufzer schreit zum Himmel: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). Er, der gekommen ist, „die Werke dessen (zu) vollbringen, der (ihn) gesandt hat“ (Joh 9,4), Er hat das Werk vollbracht – das Lebens-Werk dieses Menschen; das Werk Gottes; das Werk der bis ans Ende gehenden Liebe.

Über aller Welt mit ihrem Abgrund an Leiden öffnet sich dieser neue Horizont der vollbrachten, vollendeten Liebe.

Die Lanzen-Spitze öffnet das Kreuz, öffnet das Herz und es strömen heraus: Blut – Liebe, Wasser – Leben. Das Leiden ist zu Ende. Die Liebe lebt. Lassen wir uns Blindgeborenen die Augen waschen (vgl. Joh 9), dass wir angesichts des Kreuzes dieses Licht, diese Herrlichkeit sehen!

Wie ein großes T steht es da – ein Tau, der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets: das Zeichen der Demut; der Demut Gottes, der sich mit dem Schwächsten seiner Kinder identifiziert.

In diesem Zeichen, das Himmel und Erde, Gott und uns Menschen verbindet – in diesem Zeichen wird Er Dich erlösen (vgl. Ez 9,4ff; Offb 7,3ff).Ÿ

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Am Kreuz zeigt der Herr Herz. Vom Kreuz herab sieht er das Herz – auch mein Herz. Öffnen will er es auch mir; dass ich dieses Licht, dieses Leben, diese Liebe, die mir zuströmt, in mich einlasse: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ (Joh 15,12). Es ist schön zu lieben. Es kann auch wehtun: diesem Menschen etwas zu geben von meinem Leben. Aber: Je mehr Du Leben gibst; je mehr Du liebst, umso mehr vollbringst Du das, wozu Du bestimmt bist; umso mehr wirst Du Du selbst – sein geliebtes Kind!

Wo Du noch im Leiden lieben lernst; lernst, das Dir geschenkte Leben hinzugeben; wo Du sterbend Dein Leben zu einer letzten Gabe machst, in Hin-gabe vollendest, da ist auch Dein Lebens-Werk in diesem Zeichen vollbracht.

  1. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den
    Schoß seiner Mutter gelegt

Kein Kreuz mehr – nur noch ein Teil davon: der Gekreuzigte; der am Kreuz Gestorbene, mit geneigtem Haupt. „Abgenommen“ vom Kreuz.

Das Kreuz abgenommen – Ende aller Leiden. Tod. Schweigen. „Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann“ (Joh 9,4).

Stilles Leid der Mutter: die Pietá. Der Arm, der Schoß der Mutter; in dem sie ihn einst empfangen hat, auch jetzt empfängt; in dem sie Ihn einst getragen hat, auch jetzt trägt; aus dem sie Ihn geboren hat zum Leben – und jetzt?

„Mir geschehe nach Deinem Wort“ (Lk 1,38) – bis ans Ende gelebtes Wort: „Dein Wille geschehe“. Durchgehaltenes Ja-Wort – im Vertrauen auf Gott. Glaube, der da, wo nichts mehr tragen kann, trägt. ER lässt Dich nicht fallen – in den Abgrund des Todes, des Nichts.

Nacht – untergegangene, verfinsterte Sonne. Nur die Mondsichel scheint noch; die mit dem Arm, dem Schoß der Mutter sich verbindet. Mondlicht Mutter: Wie der Mond der Erde die Sonne spiegelt mitten in der Nacht, so spiegelt hier die Mutter noch in der Nacht des Todes dem verstorbenen Sohn in ihren Armen das Licht des so tief verborgenen Vaters.

Der Schein seines Lichts fällt auf den geliebten Sohn; fällt durch Ihn hinab – bis in den Abgrund. Im Dunkel der Ausweglosigkeit dämmert das Licht der Hoffnung.

Die Pietá selber wird in diesem Licht zum Bild des Vaters; seines „Mutterschoßes“, wie die Schrift sagt; d.h. seiner „Barmherzigkeit“, seiner mitfühlenden, leiderfüllten Liebe. Der in unsere Abgründe abgestiegene, sich für uns verloren gebende Sohn ruht im Schoß, in den Armen des barmherzigen Vaters: der Dich hält und trägt; der Dir die Last des Lebens abnimmt und Dich an sich zieht.Ÿ

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Im Dunkel des Leids, in der Ausweglosigkeit der Trauer miteinander aushalten, einander nahe sein: Zuflucht – Beileid – Trost! Füreinander „Kinder des Lichts“ sein – im Schoß der Mutter Kirche: einander Last abnehmen, Halt geben, Geborgenheit schenken. Die Werke der Barmherzigkeit als unser größtes Glaubenszeugnis: „Hoffnung wider alle Hoffnung“ (Röm 4,18). Gottes Willen geschehen lassen – im Vertrauen, dass er „bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28).

  1. Station: Der Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

Endstation Grab: Höhle, die Dich verschlingt – versiegelt mit dem Stein – sich schließende Tür!

Oder: ist nicht alles ganz anders? Sich öffnende Tür - wegwälzender Stein – leeres Grab; leer und doch nicht leer: voller Licht!

Adam – Mensch! Wo bist Du? Gott, der Dir die Tür ins Leben öffnet; Er schlägt sie Dir am Ende nicht vor der Nase zu; lässt Dich nicht draußen, im Dunkeln stehen!

„Ich bin die Tür“ (Joh 10,7), sagt Er, der Dir Gott so menschlich nahebringt. Du siehst keinen Ausweg? Er ist die Tür, die offene Tür! In Dir ist alles Dunkel? Er ist „das Licht“, das in der Finsternis leuchtende Licht! Uns Blinden will er die Augen öffnen, dieses Licht, diese offene Tür zu sehen.

Was immer Dich gefangen nehmen will; was Dich verzweifeln lassen will; was Dich verloren geben will – all diese Fesseln, die Dir das Leben angelegt hat; gestrickt aus Sünde, Leid und Tod – die löst er.

„Er-löst“! Alles, was ER angenommen hat, was er getragen hat, das hat er erlöst. Auf seinem Kreuzweg hat er die ganze Welt getragen; auch Dich in Deinem Schicksal!

Durch sein heiliges Kreuz hat er die Welt erlöst, hat er auch Dich angenommen, getragen, erlöst!

Im Sündigen sind wir erlöst; im Leiden sind wir erlöst; im Sterben und Begrabenwerden sind wir erlöst: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und aufleuchten wird Dir Christus!“ (Eph 5,14)

Er macht Dich frei – von der Angst um Dich selbst, umeinander! Er macht Dich frei von der Angst vor dem Abschied, vor dem Tod! Er macht Dich frei von der Angst vor dem Nichts, vor Gott!

Frei sind wir – zur Hoffnung; zur vertrauenden Hingabe: an Gott, an die Menschen, an das Leben.

Ja, „wir sind frei“, zu leben und zu sterben; wir sind frei zu lieben; wir sind frei, uns hier und jetzt unseres Lebens zu erfreuen.Ÿ

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Diese Tür, die uns da aufgeht; öffnen wir sie einander! Öffnen wir sie wenigstens einen Spalt; damit durch sie dieses Licht hereinstrahlt in unser Leben – besonders derer, die es jetzt am meisten brauchen: das Licht der Hoffnung; das Licht des Glaubens; das Licht der Liebe!

Adam – Mensch – wo bist Du? Hier bin ich – Gott … auf der Suche nach dir!

Unser neuer Kreuzweg ist vollendet. Wir wollen ihn nicht einfach nur als weiteren Schmuck an die Wand hängen. Fortan lädt er uns vielmehr ein, Ihn in seinen 14 Stationen immer wieder zu betrachten, zu verinnerlichen.

Der Kreuzweg ist ein Lebensweg, den Jesus gegangen ist. Der Kreuzweg ist eine Einladung, seinen Weg mitzugehen; meinen eigenen Lebensweg mit Jesus zu gehen.

An den 14 Stationen dieses Kreuzwegs kann ich auch Stationen meines Lebensweges begegnen. In verschiedenen Lebensphasen wird mir die eine oder andere Station nahe gehen. Sie konfrontiert mich mit mir selbst; mit meinen Erfahrungen; mit meinen Sorgen und Nöten; mit meinem Leiden. Aber sie lässt mich damit nicht allein.

Hinter der in Messing Gestalt gewonnenen Erden-Schwere, die belastet und bedrückt, leuchtet das Titan, verbreitet himmlischen Glanz.

Keine Station des Kreuzwegs ist eine reine Leidensstation. Jede Station ist auch voll Glanz und Licht; voll österlichem Licht.

Es sind dies nicht die letzten Stationen im Leben eines scheiternden Menschen. Es sind vielmehr Stationen des Weges Gottes mit uns. Er geht alle Stationen unserer Lebens- und Leidenswege mit; und er scheitert nicht. Dieser mit Gott verbundene Mensch scheitert nicht. Von Station zu Station bricht sich Ostern Bahn; bricht das Licht Christi des Auferstandenen hervor. Es strahlt aus dem ganzen Kreuzweg heraus; es strahlt gerade am Ende aus der offenen Tür heraus.

Tritt ein durch diese Tür! Tritt heraus aus dem Leiden – in die Freude! Denn siehe: „Durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt!“